FONDS professionell: Die digitale Konkurrenz wächst

Auch Österreichs Robo-Berater erlitten infolge der Corona-Pandemie Wertverluste, das Kundeninteresse nahm dennoch zuletzt deutlich zu.

Die Erschütterung der Finanzmärkte aufgrund der Ausbreitung der Corona-Pandemie war der erste echte Härtetest für die noch junge Zunft der digitalen Vermögensverwalter. FONDS professionell hat Österreichs Robo-Anbieter nach ihrer Performance und ihren Erfahrungen gefragt. Dabei kristallisierten sich zwei Beobachtungen heraus: Die Wertabschläge waren in Anbetracht der Turbulenzen durchaus akzeptabel, und bei den Kundengeldern gab es sogar überraschend hohe Zuflüsse.

Mehr Vermögen trotz Crash

„Wir hatten von 20. Februar bis 30. April trotz börsenbedingt sinkender Assetpreise einen Zuwachs des verwalteten Vermögens um mehr als zehn Prozent“, sagt Karin Kisling, Mitgründerin und Geschäftsführerin des Wiener Robo-Advisors Savity. Es hätten sowohl bestehende Kunden aufgestockt als auch neue angedockt. „Diese große Nachfrage haben wir nicht erwartet. Das ist ein echtes Vertrauensvotum“, so Kisling. Man habe bei der Online – Analyse des eigenen Vertriebsportals gesehen, dass einige Besucher den Robo schon länger beobachtet haben – in der Zeit nach dem Crash, der am 24. Februar einsetzte, griffen etliche dieser Besucher dann gezielt zu. Insgesamt kam der größte Zustrom aber nicht aus dem eigenen Vertrieb, sondern über die Direktbank Easybank, die seit Mitte 2019 Kooperationspartner ist. „Eine Onlinebank hat notabene die digitalaffine Klientel, die man auch als Robo-Advisor braucht. Da konnten wir am stärksten punkten“, sagt Kisling, ohne genauere Zahlen zu nennen.

„Diese große Nachfrage haben wir nicht erwartet.“
Karin Kisling, Savity

Savity, 2017 vom Team der Wiener Wertpapierfirma Advisory Invest an den Start gebracht, ist einer der ersten Austro-Robos und gehört seit Mitte 2019 zu 49 Prozent der börsennotierten Bawag, die die Mutter der Easybank ist. In der ausgewogenen Strategie „Classic“ hat der digitale Vermögensverwalter zwischen 20. Februar und 30. April rund zehn Prozent verloren. Ein Wert, mit dem sich Kisling angesichts der Turbulenzen zufrieden zeigt. Viele aktiv gemanagte ausgewogene Fonds waren nicht besser unterwegs, von Einzel- ETFs ganz zu schweigen, wo man nicht selten mit hohen Abschlägen von 20 Prozent und mehr dastand. Geholfen habe Savity, dass der Algorithmus stark auf die Volatilität achtet und hier bereits früh Signale zur Portfolioumschichtung ausgesendet hat. „Wir haben schon im Jänner begonnen, defensiver zu investieren, haben Value und Convertibles aufgenommen oder einen aktiven Fonds wie Flossbach von Storch, und wir sind seit Langem wieder in Investment Grade“, sagt Kisling. Gerade in schwierigen Marktphasen zahle es sich aus, über aktiv gemanagte Fonds in bestimmte Assetklassen zu gehen, die entweder komplex sind oder in Krisen abstürzen – etwa Wandelanleihen oder Emerging Markets Fixed Income. „Der aktive Manager im Emerging- Markets-Fonds hat fantastisch performt. Diese aktiven Anteile haben uns sehr geholfen, weil wir nicht die Downside von den ETFs mitgenommen haben“, so Kisling. Für die Qualität des aktiven Managements nehme man gern einige wenige Basispunkte an Mehrkosten in Kauf, so Kisling. Wobei: Der Kosten – Unterschied zwischen aktiv und passiv falle ohnehin nicht mehr schwer ins Gewicht. Da man mittlerweile die nötige Größe erreicht habe, könne man auf die günstigen institutionellen Klassen zurückgreifen.

Sparkassen-Robo

Savity zählt – im Unterschied zum Gros der internationalen Robos, das ausschließlich in ETFs geht – zur Gruppe jener, die aktive und passive Strategien mischen. Einen solchen Variantenmix verfolgt auch der Ende 2019 online gestellte „Invest Manager“ der Erste Bank und Sparkassen. Er geht sogar überwiegend in aktive Fonds, darunter solche der hauseigenen Fondsgesellschaft Erste Asset Management (Erste AM). Mit einem Verlust von rund elf Prozent im ausgeglichenen Portfolio (20. 2. bis 30. 4.) liegt er zwar am oberen Ende der österreichischen Anbieter – er hebt sich jedoch nur minimal ab vom weitgehendgeschlossenen Feld. Das verdeutlicht die von FONDS professionell erstellte Tabelle (siehe unten). Dazu muss erwähnt werden, dass ein direkter Vergleich nicht auf den Prozentpunkt möglich ist und die Zahlen eher als Richtwert betrachtet werden sollten: Schließlich haben die Anbieter unterschiedliche Definitionen der abgefragten Strategie „Ausgewogen“. Auch die Kostenbasis (inklusive/exklusive) war nicht ganz einheitlich, und natürlich beruhen alle Zahlen auf Unternehmensangaben. In Deutschland, wo es „harte“ Daten aus einem Echtgeldtest unter 20 Robos gibt, wäre jedenfalls auch der Invest Manager der Sparkassen vorn dabei (siehe Tabelle).

Stefan Schulmeister, Investmentchef Erste AM, sieht die Krisenfestigkeit des eigenen Modells, das antizyklisch agiert, bestätigt.  Er verweist darauf, dass die Erholung nach dem Abschwung besonders gut funktioniert habe: „Wir kaufen Anlageklassen, die überproportional verloren haben, und nehmen Gewinne bei Anlageklassen mit, die sich besonders gut entwickelt haben“, sagt er. In der Krise seien sichere Staatsanleihen verringert und Aktien oder Hochzinsanleihen aufgebaut worden. „Davon haben wir jetzt in der Erholungsphase profitiert“, so Schulmeister.

„Wir hatten in der Krise ein paar Kündigungen, aber vor allem Neuabschlüsse.“
Stefan Schulmeister, Erste AM/Invest Manager

Diesen Aufschwung dürften etliche Neukunden beim Invest Manager ebenso gezielt abgewartet haben wie bei Savity: „Wir hatten in der Krise ein paar wenige Kündigungen, aber vor allem Neuabschlüsse“, lautet auch hier der überraschende Schluss. „Unsere Hypothese ist, dass diese Krise leichter verstanden wird und sie daher weniger Ängste schürt als etwa die Finanzkrise. Man geht offensichtlich von einer Normalisierung aus und sieht damit eine Chance“, sagt Schulmeister. Auch seien die Anleger ruhig geblieben, da der Robo als langfristige Investmentlösung vermarktet werde.

Interessant wären da die Performanceangaben des Konkurrenten „Will“ von Raiffeisen gewesen. Der ging jedoch ausgerechnet im schwierigen Monat März an den Start, und die Bankengruppe gibt daher keine Daten preis. Will verwendet ebenfalls aktive Fonds aus den sektoreigenen Fondsgesellschaften Kepler und Raiffeisen KAG, kooperiert dabei aber mit dem ausschließlichen ETF-Robo Scalable. Unangenehm für beide Seiten: Scalable – deutscher Marktführer mit viel Science-Know-how im Hintergrund und mit dem ETF-Riesen Blackrock an Bord – war bisher immer eine Messlatte. Doch just der Platzhirsch wurde in der Krise schwer getroffen. Von 20. März bis 27. April steht ein Minus von über 20 Prozent zu Buche.

 

 

Keine voreiligen Schlüsse

Der Schluss, dass Strategien mit aktivem Anteil in der Krise besser sind, sei deshalb dennoch nicht zulässig, meint Savity-Chefin Kisling und springt für Scalable in die Bresche. „Es ist ein extrem kurzer Zeithorizont, über den wir reden. Wir schauen auf drei Monate oder ein Jahr. Investmentprozesse beweisen sich aber über einen Konjunkturzyklus hinweg. Das wirkliche Urteil können wir erst sprechen, wenn wir einen Zyklus absolviert haben“, so Kisling.

Dass Robo-Advisory mit reinen ETF-Portfolios auch in der Crash-Phase funktioniert, zeigen zum Beispiel die Anbieter Dadat (lieferte allerdings keine Infos zu seiner Krisenstrategie) sowie Finabro. Finabro schlug sich gut und hat nach Eigenangaben nichts an seiner Strategie – einer Kombination aus „Buy and Hold“ und „Rebalancing“ – verändert. „Wir versuchen nicht aktiv, die Krise durch Reduktion des Aktienanteils zu timen“, sagt Unternehmenschef Søren Obling. Die Kunden suchen sich ein diversifiziertes Portfolio mit mehr oder weniger Risiko aus, und diese Portfolios würden wie gehabt periodisch überarbeitet, so Obling. Dieser von Finabro gesetzte Fokus auf das Rebalancing ist eine der Portfoliostrategien, die man bei Robo-Advisors oft findet. Auch der Invest Manager der Sparkassen legt Wert darauf. Beim Rebalancing wird darauf geachtet, dass die Risikostruktur (Verhältnis Aktien/ Anleihen), die der Kunde gewählt hat, gleichbleibt oder wiederhergestellt wird (Anteilsverschiebungen finden ständig statt, etwa weil Aktien und Anleihen unterschiedlich hohe Wertgewinne haben).

Im Unterschied dazu verfolgen zum Beispiel Savity und Scalable einen Value-at-Risk- Ansatz (VaR) – hier orientiert sich alles am wahrscheinlichen Verlustrisiko: Im Vordergrund steht ein maximal erwarteter Verlust, der mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit innerhalb eines Zeitraums eintritt. Angesichts dieser unterschiedlichen Zugänge ist erstaunlich, wie ähnlich die Anbieter gerade in Extremphasen abgeschnitten haben – Ausreißer Scalable einmal ausgenommen.

„Investmentprozesse beweisen sich über einen Konjunkturzyklus hinweg.
Das wirkliche Urteil können wir erst sprechen, wenn wir einen Zyklus absolviert haben.“
Karin Kisling, Savity

Partner Bank: Einzelaktienerfolg

Top-Performer in der FONDS professionell Erhebung war übrigens ein Spezialist, der auf eine Mischform setzt: Eine der ausgewogenen Robo-Advisory-Strategien der Linzer Partner Bank, in der neben ETFs auch Einzelaktien zum Einsatz kommen, überstand die heiße Phase mit einem Minus von nur 5,7 Prozent. Die Modelle hätten sich als sehr robust erwiesen und seien nicht verändert worden. Bei den Direktinvestments habe sich bestätigt, „dass die besten Einzeltitel dem Markt überlegen sind, wenn sie in einer gut ausgerichteten Vermögensverwaltung gehalten werden“, sagt Bankvorständin Sarvenas Enayati. Die Vermögensverwaltung in Direktaktien habe deutlich weniger Verluste verzeichnet und sich auch schneller erholt, so die Expertin. Auch sie sieht derzeit enormen Zulauf: „Im ersten Quartal 2020 verzeichnen wir im Bereich Robo-Advice einen Anstieg der Kunden von 60 Prozent zum ersten Quartal 2019“, sagt Enayati.

Ähnliches ist aus Salzburg zu hören. Die Privatbank Spängler, die 2018 mit dem Robo „Carl“ ihr altehrwürdiges Image aufpoliert hat, verschweigt zwar die genaue Performance (siehe Tabelle), doch auch hier blühen die digitalen Services aufgrund der Pandemie auf. Angesichts eingeschränkter persönlicher Kontaktmöglichkeiten wenden sich die User dem Robo zu: „Das Verhältnis von Zu- und Abflüssen liegt heuer bei sieben zu eins“, sagt eine Sprecherin.

Die Zuneigung der österreichischen Anleger dürfte auch anderen aufgefallen sein: Der Robo-Advisor Solidvest des deutschen Traditionsanbieters Dr. Jens Ehrhardt (DJE) will nach Österreich kommen. Eine Genehmigung der Aufsicht stand bei Redaktionsschluss noch aus. Wie man hört, hat Solidvest schon einige österreichische Kunden, und man wolle hier gern „Flagge zeigen“. Das Herausstellungsmerkmal von Solidvest: Der Robo geht rein in Einzeltitel – also Aktien und Anleihen. „Die Anlagestrategie ist der Output aus dem DJE-Researchteam. Solidvest ist im Wesentlichen der digitale Zugang für die DJE Vermögensverwaltung“, sagt Sebastian Hasenack, Leiter des digitalen Vermögensverwalters. Der Anbieter wartet jedenfalls mit einem kräftigen Statement auf: Am großen deutschen Robo- Advisory-Markt hat es nur ein Konkurrent (Kapilendo) besser durch die Krise geschafft (Zahlen Brokervergleich.de)

 

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